Die Bamberger Stollen – von der Sandgrube zum Bierkeller zum Luftschutzbunker zum beliebten Tourismusziel
Unter dem Bamberger Berggebiet erstreckt sich ein rund zwölf Kilometer langes Stollensystem, dessen Nutzung sich über die Jahrhunderte immer wieder gewandelt hat: von der Rohstoffgewinnung über die Lebensmittellagerung bis hin zum Luftschutz im Zweiten Weltkrieg. Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten Entwicklungsphasen zusammen.
Ursprung und frühe Nutzung (ab 11. Jahrhundert)
Unter dem Bamberger Berggebiet erstreckt sich ein rund zwölf Kilometer langes Stollensystem im Keupersandstein, von dem heute zwei Kilometer unter dem Stephansberg öffentlich zugänglich sind. Ursprünglich diente der Abbau der Gewinnung von Fegsand, einem Vorläufer heutiger Putz- und Scheuermittel. Der Sandstein eignete sich dafür besonders gut, da er beim Abbau feinkörnig zerfällt. Diese Nutzung reicht vermutlich bis ins 11. Jahrhundert zurück und dauerte bis weit ins Industriezeitalter an. Heute fallen die Felsenkeller unter das Bundesberggesetz und unterstehen der Aufsicht des Bergamts Bayreuth.
Wein- und Bierlagerung (17. – 19. Jahrhundert)
Ab dem 17. Jahrhundert wandelte sich die Nutzung: Die gleichmäßigen Temperaturen der Stollen machten sie ideal zur Lagerung von Lebensmitteln und Getränken. Zunächst wurde dort Wein gelagert, der in Bamberg selbst angebaut wurde. Nach den wirtschaftlichen Folgen des Dreißigjährigen Kriegs und den hohen Kosten für importierten Wein verlagerte sich die Nutzung auf die Bierlagerung.
Begünstigt wurde dieser Wandel durch steuerliche Privilegien, die Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim im 18. Jahrhundert dem Brauwesen einräumte – ein wichtiger Grundstein für Bambergs Ruf als bedeutende Bierstadt. Für die benötigte Kühlung wurden in den tiefsten Stollenbereichen Eisgruben angelegt. Im 19. Jahrhundert wuchs das System durch neue Brauereien weiter, teils mit mehreren übereinanderliegenden Ebenen.
Zweiter Weltkrieg (1941 – 1945)
Erst relativ spät, ab etwa 1941, wurden die Stollen systematisch als Luftschutzräume ausgebaut. Ab 1942 wurde nahezu der gesamte unterirdische Raum für Schutzzwecke genutzt, unter anderem durch einen neuen 80 Meter langen Zugangsstollen für die Inselstadt-Bewohner vom Oberen Leinritt aus geschaffen wurde.
1944 mussten drei Bamberger Rüstungsbetriebe kriegsbedingt in die Stollen verlagert werden. Zusätzlich zogen wichtige Institutionen wie die Luftschutzleitung und die Technische Nothilfe dorthin um, ebenso ein überregional bedeutsames Versorgungslager. Beim Bombenangriff am 22. Februar 1945 bewährten sich die Stollen als Schutzräume und hielten – bis auf eine Ausnahme – den Treffern stand. Heute erinnert ein Denkmal in den Stollenanlagen an die Toten des Angriffs.
Nachkriegszeit und Verfall
Mit dem Kriegsende und der amerikanischen Besetzung verloren die Stollen ihre Schutzfunktion. Die zurückgelassenen Versorgungslager wurden geplündert – Zeitzeugen berichteten von einem wahren Schlaraffenland.
Danach gerieten die Anlagen zunehmend in Vergessenheit, während im Untergrund unbemerkt Schäden fortschritten: Erschütterungen durch zunehmenden Straßenverkehr sowie unfachmännisch erweiterte Kriegsstollen führten zu Gesteinsabplatzungen und einer immer dünneren Felsüberdeckung. Zugemauerte Stollen verschärften das Problem zusätzlich, da lokale Schäden an Trinkwasser- und Kanalisationsleitungen zunächst unentdeckt blieben.
Wiederentdeckung und Sanierung (ab 1966)
Am 27. März 1966 brach ein Auto auf dem Stephansplatz plötzlich in einen eingestürzten Stollengang ein – ein Weckruf für die Öffentlichkeit. Da es sich um eine Kriegsfolgelast handelte, war der Bund gemäß dem Kriegsfolgengesetz von 1957 zur Haftung verpflichtet. Es folgten Untersuchungen und Sofortmaßnahmen.
Ab 1981 wurde das System systematisch erforscht und kartiert, unter anderem gestützt auf private Aufzeichnungen des Heraldikers und Heimatforschers Christian V. aus den 1920er/30er Jahren. Von 1982 bis ca. 1987 liefen in Kooperation mit Bund und Land umfangreiche Sanierungsarbeiten mittels Torkretierverfahren (Spritzbeton mit Stahlarmierung), die mehr als 30.000 Kubikmeter Stollenraum dauerhaft sichern sollen.
Öffnung für den Tourismus (ab Ende der 1980er Jahre)
Nach Abschluss der Sicherungsmaßnahmen ist die Öffnung für den Tourismus insbesondere der Arbeit von Herrn Manfred Müller († 2012) vom Brand- und Katrastrophenschutz Bamberg zu verdanken, der sich hier stark gemacht hat und bis zu seinem Tod als Stollenführer mit unbändiger Leidenschaft Gäste durch die Bamberger Stollenanlagen geführt hat.
Zeitstrahl im Überblick
| ab 11. Jh. | Beginn des Stollenbaus zur Fegsandgewinnung |
| bis 17. Jh. | Nutzung der Stollen zur Weinlagerung |
| 17. – 18. Jh. | Übergang von Wein- zu Bierlagerung nach dem Dreißigjährigen Krieg |
| 2. Hälfte 18. Jh. | Steuerprivilegien unter Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim begründen Bambergs Ruf als Bierstadt |
| 19. Jh. | Ausbau weiterer Stollenanlagen durch neue Brauereien |
| Februar 1898 | Vermessung von ca. 30 Stollen unter dem Stephansberg durch das Bergamt |
| 1922 – 1933 | Chronik-Aufzeichnungen des Heimatforschers Christian V. |
| ab 1941 | Beginn des systematischen Luftschutzausbaus |
| 1942 | Ausbau nahezu des gesamten Berggebiets für Schutzzwecke |
| 1944 | Verlagerung von drei Rüstungsbetrieben in die Stollen |
| 22. Februar 1945 | Bombenangriff auf Stephansberg und Kaulberg – Stollen halten stand |
| Frühjahr 1945 | Amerikanische Besetzung Bambergs, Ende der Schutzraumnutzung |
| 1953 | Neugründung der Technischen Nothilfe als Technisches Hilfswerk |
| 27. März 1966 | Straßeneinbruch am Stephansplatz macht Schäden öffentlich |
| 1957 | Kriegsfolgengesetz regelt Haftung des Bundes |
| ab 1981 | Systematische Erforschung und Katalogisierung der Stollen |
| 1982 – ca. 1987 | Umfassende Sanierung mittels Torkretierverfahren |
| Ende der 1980er Jahre | Öffnung der Stollenanlagen (damals auch „Bamberger Katakomben“ genannt) für den Tourismus |







